Texte, Aphorismen, Zitate


Friedrich Nietzsche - "Die fröhliche Wissenschaft" 334.:

Man muss lieben lernen. — So geht es uns in der Musik: erst muss man eine Figur und Weise überhaupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isoliren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben: — endlich kommt ein Augenblick, wo wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, dass sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demütigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen, als sie und wieder sie. — So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schließlich immer für unseren guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt: — es ist sein Dank für unsere Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es gibt keinen anderen Weg. Auch die Liebe muss man lernen.

Quelle: Friedrich Nietzsche, "Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden", Sigle: KSA, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München und New York 1980.



Hans Gal - aus "Richard Wagner "

Die phantastische Besonderheit seines Lebenswegs ist dadurch gekennzeichnet, daß Wagner zwei völlig disparate und ungewöhnliche Anlagen in höchster Leistungsfähigkeit vereinigt: die ungeheure Stoßkraft und unbezwinglich nach außen gerichtete Energie großer Staatsmänner, Politiker, Reformatoren, und dazu die Fähigkeit der Unsterblichen unter den Künstlern, sich mit völliger Hingabe und Unbekümmertheit um alle äußeren Umstände ganz und gar auf sein Schaffen zu konzentrieren. Er ist beides: ein Cäsar, ein Mohammed, Napoleon, Bismarck, wenn es gilt, der Welt seinen Willen aufzuzwingen, und ein Michelangelo, Goethe, Beethoven, wenn es um das Werk geht, das seine Phantasie erfüllt. Periodenweise hat sein Leben der einen oder anderen Aufgabe gedient. Daß der Kunstpolitiker dem Künstler in gewisser Hinsicht die Bahn bereitet hat, ist selbstverständlich; niemals hätte ein weltabgewandter Träumer Siege erfochten wie die seinigen. Andrerseits hat der Künstler immer wieder unter den begreiflichen Feindseligkeiten zu leiden gehabt, die der Politiker sich zuziehen mußte; man kämpft nicht gegen eine Welt, ohne die erbittertste Reaktion hervorzurufen.

Quelle: Hans Gal, "Richard Wagner - Versuch einer Würdigung", S. Fischer, 1963