Tagesausflug Bayreuth

 

Ein Tag in Bayreuth - keineswegs bereut.

 

Ein Bericht von Georg Vallant


 

21 Mitglieder und Freunde des Richard-Wagner-Verbands Ulm/Neu-Ulm hatten sich am 21. Mai 2011 pünktlich um 7:00 Uhr in Seligweiler bei Ulm eingefunden, um am lange geplanten Tagesausflug nach Bayreuth teilzunehmen. In einem komfortablen Mini-Bus, organisiert von unserer 1. Vorsitzenden Viola Lachenmann, ging es bei gutem Wetter, ausgelassener Stimmung und freier Autobahn ins Frankenland. Frau Lachenmann nützte die Zeit zu einer herzlichen Begrüßung und las zur Einstimmung einige amüsante Abschnitte aus dem Buch „Bayreuth für Anfänger“ von Herbert Rosendorfer und anschließend aus dem kurzen Nietzsche-Text „Mahnruf an die Deutschen“ vor. —

In Bayreuth angekommen, fahren wir direkt zum Festspielhügel „hinauf“, um rechtzeitig zur Besichtigung vor Ort zu sein. Das Innere des Festspielhauses ist überwältigend und Nietzsches Wort, dass Bayreuth den größten Sieg bedeute, den je ein Künstler errungen hat, kam mir gleich in den Sinn. Wir nehmen Platz auf den nicht unbedingt wegen ihrer Bequemlichkeit bekannten Stühlen und erfahren manches über das Haus und seine Geschichte.

 

Wagner hat in seinen Bayreuther Gegenentwurf zum gängigen Opernhaus seiner Zeit viele einmalige Ideen einfließen lassen – den versenkten Orchestergraben, fehlende Seitenlogen (die jegliche Ablenkung vom szenisch-musikalischen Geschehen auf der Bühne vermeiden), dimmbares Licht und die durchgängige Verwendung von Holz für den kompletten Innenraum. Der Neuerer Wagner war sehr an akustischen Problemen interessiert, was zu  seiner Eigenheit passt, den Klang an sich als eigenständigen Kompositionsparameter zu behandeln.  Wir erfahren auch, dass der berühmte Bayreuther Mischklang – das Orchester erreicht die Zuschauer auf indirektem Weg über die Bühne, reflektiert und erweitert um die Gesangsstimmen –, nur bei voll besetztem Haus zur Geltung kommt, was allerdings aufgrund notorisch ausverkaufter Vorstellungen immer der Fall ist. Heizung und Klimaanlage wird man in Bayreuth vergeblich suchen, zu empfindlich würde das viele Holz auf Temperaturschwankungen reagieren. Auffällig ist auch die an ein griechisches Amphitheater angelehnte Orientierung aller Sitze zur Bühne. Letztere selbst hat gigantische Ausmasse und bei voller Ausnutzung eine beeindruckende Tiefe von 64 Metern.

Im Orchestergraben erfahren wir dann noch Einiges über den Orchesteralltag. Würde man meinen, dass die Musiker, dank der vollständigen Versenkung, auch mal in Flip-Flops, Shorts und T-Shirts spielen, ja – dass selbst der Dirigent kurz bevor er den Lorbeerkranz nach gelungener Vorstellung entgegennimmt, in einem Nebenzimmer noch schnell die bequeme Freizeitkleidung durch einen Smoking ersetzt? Trotz der Witzeleien - Dirigenten wie Strauss, Furtwängler, Toscanini, Böhm und Karajan gehen mir durch den Kopf. An dieser Stelle wurde der Ring des Nibelungen und Parsifal uraufgeführt, hier hat Wagner das letzte Mal vor Publikum dirigiert (die halbprivate Aufführung einer Jugendsymphonie in Venedig einmal ausgenommen).

Wieder draussen spazieren wir bei bestem Wetter einmal ums Festspielhaus, machen nach einem Gruppenfoto vor dem Haupteingang einen kurzen Abstecher in die umliegenden Parkanlagen. Ausser uns sind nur wenige Besucher anzutreffen, ausserhalb der Festspielzeit liegt der Hügel eben doch im künstlerischen Ruheschlaf.

Gegenüber der von Arno Breker 1939 geschaffenen Portraitbüste Wagners – die Zeichen ihrer Zeit sind leider überdeutlich – probt ein Klarinettist Partien aus Lohengrin, Tristan und Parsifal. Was für ein Gegensatz: Wagners Musik bleibt eben doch überzeitlich, übernational und dass sie manchen posthumen Umdeutungsversuchen letzten Endes getrotzt hat, ist merkwürdig und spricht für Wagners Genie, denke ich mir.  —

Anschließend geht es in die Stadt zum Mittagessen. Im Wirtshaus Wolffenzacher in der Bayreuther Innenstadt lasse ich mich in von den günstigen fränkischen Bier- und Essenspreisen begeistern. Besonders gefallen mir die gerahmten Fotografien fast aller Bayreuth-Dirigenten an der Wand: Sinopoli, Levine, Barenboim, Thielemann usf. ergänzen die bereits weiter oben erwähnten, historischen Maestri.

Die anschließende Stadtführung führt uns quer durch Bayreuth, vom Alten Schloss in Richtung Villa Wahnfried. Leider werden wir von einem heftigen Regen überrascht, das trifft besonders alle Unvorbereiteten, die ihren Schirm vergessen haben. Unter immer stärker werdendem Regen geht’s schnell vorbei am Jean-Paul-Museum, in der Nähe ist ein Original-Bühnenbild von Tankred Dorsts Inszenierung des Rings unter freiem Himmel zu betrachten. Jetzt aber Beeilung – bei Regen ist selbst Bayreuth ein Alptraum! Durch den Hofgarten hindurch erreichen wir die Villa Wahnfried von der Rückseite und plötzlich scheint sich das Wetter zu lichten.

 

Als wir dann an Wagners Grab vorbei zur Vorderseite der Villa gehen, wo die berühmte Aufschrift „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt“, zu lesen ist, kommt die Sonne wieder hervor und die Regenschirme können eingeklappt werden. „Die Sonne lacht mir nun neu“ kann man wohl als Motto unter das letzte Foto schreiben. Unsere Stadtführerin berichtet noch, dass die Villa und das sie beherbergende Museum zur Zeit nicht begehbar sind – erst zum Wagner-Jahr 2013 soll es nach einer Umgestaltung eine Wiedereröffnung erleben.

 

Ein paar Meter entfernt befindet sich das sehr interessante Liszt-Museum, das wir noch eine knappe Stunde lang besuchen. Bayreuth feiert den 200. Geburtstag Franz Liszts mit diversen Veranstaltungen. Besonders gefallen haben mir dort die vielen, teils unbekannten Original-Fotografien von Liszt und Zeitgenossen.

Zum Abschluss des Tages hat unsere 1. Vorsitzende Frau Lachenmann einen Besuch in der von ihr vielgerühmten Biergaststätte Herold im nahegelegenen Büchenbach organisiert. Da sind wir gespannt, ob die fränkischen Bratwürste und das Bier dort wirklich die besten auf der Welt sind. Der Wirt gibt uns netterweise noch eine kleine Führung durch die Hausbrauerei, die seit mehr als 500 Jahren von seiner Familie betrieben wird, ich höre aber nur noch mit halbem Ohr hin: „Malz“, „Gerste“, „Reinhefe“ usf., denn ich habe schon einen Riesenhunger. Wir gehen also zurück in die Gaststätte und genießen unter freiem Himmel und anregenden Gesprächen den Abend. Frau Lachenmann behält Recht, die Würste sind vorzüglich und das Beck’n-Bier ebenso – so gut, dass einige Mitglieder vor der Abfahrt sogar etwas für den Kühlschrank zu Hause einpacken.

Nach ca. 3 h Rückfahrt waren wir schließlich zurück in Ulm. Ein gelungener Tag, der Lust auf mehr macht, z. B. diesen Sommer, dann aber zur Festspielzeit! G.V.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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