Wagnerfreunde – der zweite Stamm der Familie Wagner

Internationaler Richard-Wagner-Kongress in Stralsund vom 13. bis 16. Mai 2010

Stralsund – mit Betonung der ersten Silbe, wie unsere Stadtführerin mitteilte – strahlte nicht, als der Internationale Richard-Wagner-Kongress vom 13. bis 16. Mai stattfand. Das Wetter war sehr kühl, windig und ab Samstag auch noch regnerisch. Die ca. 500 Teilnehmer aus Deutschland und Europa ließen sich dadurch aber nicht die gute Laune verderben und genossen interessante Vorträge, Aufführungen von »Rosenkavalier« und »Der fliegenden Holländer« sowie eine Wagner-Gala im wunderschön restaurierten Stralsunder Stadttheater in vollen Zügen.

Der Ulmer Richard-Wagner-Verband war auf dem Kongress vertreten durch den kompletten Vorstand und unseren Webmaster. Das erste Treffen vieler Kongressteilnehmer fand bereits am 12. Mai, dem Vorabend des Kongresses, anlässlich einer »Rosenkavalier«-Aufführung statt. Diese konnte uns mit einem altmodisch anmutenden Bühnenbild und einer altbackenen Inszenierung nicht von den Sitzen reißen. Auch musikalisch überzeugte uns die Aufführung nicht ganz. Vielleicht fehlte den Sängern aus dem Norden einfach der wienerische Schmäh, den diese Oper fordert. Nach der Aufführung war es nicht leicht, ein noch geöffnetes Lokal zu finden. Doch letztlich konnten wir uns nach dem langen Opernabend im urigen »Torschließerhaus« am Kütertor stärken.

Am nächsten Morgen begaben wir uns auf einen fast zweistündigen Stadtrundgang, dem sich ein gutes Mittagessen in den »Wulflamsstuben« anschloss. Offiziell eröffnet wurde der Kongress dann um 15.30 Uhr in der prachtvollen, aber eiskalten Nikolaikirche von Frau Prof. Eva Märtson, der Präsidentin des Richard-Wagner-Verbandes International. Auch Prof. Anton Nekovar, der Intendant des Theaters Vorpommern, begrüßte die Kongressteilnehmer, zu denen die 89-jährige Verena Lafferentz-Wagner, die letzte Enkelin des Meisters, als Ehrengast des RWVI zählte. Auf dem musikalischen Programm der Kongresseröffnung standen u. a. Richard Wagners »Siegfried-Idyll« und »Sechs Fugen über BACH« von Robert Schumann, gespielt von David Schlaffke auf der restaurierten Buchholz-Orgel der Nikolaikirche. Angesichts der Kälte in der Kirche wurden manchem im Publikum die Schumann-Variationen etwas lange.

Beim anschließenden Empfang im Stadttheater war dann bei Sekt, Wein, Saft und vielen Canapés ausführlich Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, alte Freunde wieder zu treffen, aber auch neue Wagnerfreunde kennen zu lernen.

Etwas angeheitert erfreuten wir uns dann an Richard Wagners »Der fliegende Holländer«, der uns besser gefiel als der »Rosenkavalier« am Tag zuvor, obwohl er ebenfalls recht traditionell inszeniert war. In Szene gesetzte Ouvertüren haben Befürworter und Gegner, schade dass sich der interpretatorische Ansatz kaum darüber hinaus fortgesetzt hat. Auch hatten wir schon lange keine Spinnstube mehr gesehen, streckenweise mutete die Inszenierung doch etwas altertümlich an. Allerdings muss man sich klar sein, dass es sich beim Stralsunder Stadttheater um ein kleines Theater handelt, das mit seinen bescheidenen Mitteln wirklich viel leistet. Von den Sängern gefiel uns besonders Bassbariton Duccio dal Monte als Holländer, auch Tenor Heiko Börner als Erik wusste zu überzeugen.

Am 14. Mai war Gelegenheit, die Insel Rügen zu besuchen oder einen Ausflug auf den Darß zu machen. Alternativ standen nochmals Stadtführungen oder der Besuch des 2008 eröffneten Ozeaneums an. Die Vorsitzenden mussten allerdings an der Delegiertenkonferenz teilnehmen, die alljährlich beim Kongress stattfinden. In diesem Jahr gab es nicht viele Entscheidungen zu treffen, aber dennoch viel zu besprechen.

Am nächsten Tag, dem Samstag, hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, zwei sehr interessante Vorträge anzuhören: Philippe Olivier sprach über die Wagnerpflege in Mecklenburg-Vorpommern unter besonderer Berücksichtigung Rostocks und Schwerins 1873–1933. Matthias Duncker referierte über die Richard-Wagner-Rezeption in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Für uns »Wessis« waren das neue und unerwartet spannende Themen, der Vormittag verging wie im Fluge.

Auf Grund des schlechten Wetters blieb danach nicht viel anderes übrig, als sich in eines der vielen netten Restaurants bzw. Cafés zu setzen. Wir entdeckten eine gemütliche Teestube und vertrieben uns die Zeit mit interessanten Gesprächen. Wie wir später hörten, flüchteten sich viele Teilnehmer vor der Kälte ins Meeresmuseum und ins Ozeaneum, die dementsprechend mit starkem Besucherandrang kämpfen mussten.

Am Abend gab es im Stralsunder Theater eine »Wagner-Gala«, die allerdings nicht alle Teilnehmer besuchen konnten, weil das Theater nicht alle aufnehmen konnte. So blieb es vielen Teilnehmern offen, für eine andere Unterhaltung zu sorgen.

Am Sonntag, dem 16. Mai, fand um 10 Uhr die Abschlussveranstaltung in der »Alten Brauerei« statt, die uns richtig begeisterte. Zu Beginn spielte das Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern die Ouvertüre zu den Meistersingern. Zwischen Begrüßung und Schlusswort von Prof. Eva Märtson sowie dem Festvortrag von Prof. Anton Nekovar, dem Intendanten des Theaters, der betonte wie wichtig es sei, die finanziellen Mittel nicht noch mehr zu kürzen, um die Jugend weiter fördern zu können, sangen Betsy Horn und Falko Hönisch, Preisträger des letztjährigen »Internationalen Gesangswettbewerbs für Wagnerstimmen«, Arien aus »Die Meistersinger von Nürnberg« und »Tannhäuser«. Zum Abschluss erklang das Werk »Insignium«, eine Komposition des jungen Hornisten des Jugendorchesters für Orchester und Pauken, ein mitreißendes Werk, das Begeisterungsstürme bei den Zuhörern entfachte. Seinen Abschluss fand der Kongress mit einem Festessen – auf ein Wiedersehen in Bayreuth!

Im nächsten Jahr wird der Kongress vom 2. bis 5. Juni in Breslau stattfinden. Das Programm ist bei uns erhältlich, selbstverständlich lesen Sie auf unserer Website rechtzeitig darüber. Der Vorstand des RWV Ulm/Neu-Ulm e.V. würde sich sehr freuen, mehr Mitglieder unseres Verbandes zu dieser interessanten Veranstaltung begrüßen zu dürfen.

Viola Lachenmann

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