Bayreuth 2010: Nachlese

Ein Reisebericht von Viola Lachenmann:

 

Auch im 6. Jahr in Folge haben die Bayreuther Festspiele für uns nicht an Faszination verloren, ganz im Gegenteil fiebern wir den Wochen immer wieder entgegen – und wurden auch in diesem Jahr nicht enttäuscht.

 

Wir konnten einige Mitglieder unseres Verbandes begrüßen, die über unseren Verband eine Karte bekommen haben. Unsere Ring-Karte, die wir unter uns aufgeteilt hatten, wurde an jedem Morgen nach der jeweiligen Aufführung an den nächsten Glücklichen weiter gereicht, wenn wir uns bei den Vorträgen von Stefan Mickisch trafen, die auch in diesem Jahr wieder Tausende anzogen. Es ist sogar einigen gelungen, noch weitere Karten zu bekommen – da sein ist alles, es ergibt sich immer wieder eine Gelegenheit.

 

Der neue Lohengrin in der Inszenierung von Hans Neuenfels hat uns – wider Erwarten – begeistert. Eine helle, ganz in schwarz-weiß gehaltene Bühne, herrliche Kostüme, ästhetische Ratten und eine wundervolle Personenregie machten die Aufführung zu einem echten Erlebnis. Nicht zuletzt natürlich sind die herrlichen Chöre, die in Bayreuth zum echten Juwel gehören – es ist der weltbeste Chor – in dieser einzigartigen Akustik ein Hörerlebnis der Spitzenklasse.

 

Ein besonderes Ereignis war natürlich in diesem Jahr, dass wir Frau Ezenarro als unsere Stipendiatin begrüßen durften. Aus aller Herren Länder kamen am 4. August 250 Stipendiaten – durchschnittlich 27 Jahre alt, mehrheitlich weiblich und noch in der Ausbildung – in Bayreuth an, um ihren braunen Umschlag mit den Festspielkarten in Empfang zu nehmen. Für alle Stipendiaten ist es eine besondere Auszeichnung, in Bayreuth ein Stipendium zu bekommen. Die Freude darüber sah man den jungen Leuten an, sie fühlten sich auserwählt, es ist eine ganz besondere Ehre für jeden Künstler.

 

Die jungen Leute, die zum großen Teil von den Vorsitzenden der jeweiligen Verbände begleitet wurden, wurden im Haus Wahnfried vom Hausherrn Dr. Sven Friedrich, dem Geschäftsführer der Stipendienstiftung, Herrn Dr. Stefan Specht, der Festspielleiterin Frau Eva Wagner-Pasquier, dem Oberbürgermeister von Bayreuth, Herrn Dr. Michael Hohl und von der Präsidentin des Internationalen Richard-Wagner-Verbands, Frau Professor Märtson, bei einem Glas Saft oder Prosecco aus Dosen begrüßt. Es nahmen auch frühere Stipendiaten teil, u. a. Wolfgang Schmidt, Sebastian Weigle, Hans Sotin.

 

Um 20 h fand in der Handwerkskammer von Bayreuth das große Stipendiatentreffen statt. Dieses begann mit einem Konzert einiger Stipendiaten, die ihr Können sängerisch und am Klavier zum Besten gaben. Großer Applaus für alle Darbietenden, die beachtliche Leistungen zeigten. Auch während und nach des anschließenden hervorragenden Essens zeigten weitere jungen Künstler ihr Können.

 

Die nächsten drei Tage durften die Stipendiaten vormittags die Einführungsvorträge von Dr. Sven Friedrich oder von Stefan Mickisch anhören, an die sich ein gemeinsames Mittagessen anschloss. Am jeweiligen Nachmittag dann die Vorstellungen der Meistersinger, des Lohengrin und abschließend des Parsifal im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. In den Pausen ließen wir uns die berühmten Bayreuther Bratwürste schmecken. Die Stipendiaten hatten noch eine Führung durch Haus Wahnfried und das Listz-Museum und eine Stadtführung.

 

Frau Ezenarro zeigte sich besonders vom Lohengrin begeistert. Im Anschluss an den Lohengrin trafen wir uns mit ihr und den beiden Stipendiatinnen aus Augsburg und deren 2. Vorsitzenden in den „Holländer Stuben“, um den herrlichen Nachmittag und Abend noch in fröhlicher Runde ausklingen zu lassen.

 

Zum ersten Mal habe ich auch das Public Viewing der Walküre auf dem Festplatz von Bayreuth miterlebt – und ich muss sagen, wir waren begeistert. Natürlich ließen wir uns am Vormittag den Mickisch-Vortrag Walküre nicht entgehen – sein Walkürenritt am Flügel ist legendär! Aber gleich danach machten wir uns, bepackt mit Getränken und Sonnenhut, auf zum Festplatz. Es war bereits viel los, der „Tannhäuser für Kinder“ war schon gelaufen, für Kinder war ein Erlebnisparcours aufgebaut, in dem sie sich schminken lassen und Einblicke in das Bühnengeschehen erleben konnten, z. B. die Entstehung von Bühnennebel. Es war herrlichstes Wetter – Der Nordbayernkurier schrieb auf seiner Titelseite, dass der Wettergott ein Wagner Liebhaber sei! Es waren sehr viele Biergartentische aufgestellt, auf jedem Tisch lag eine weiße Stofftischdecke, Kerzen und Blumen. Es kamen immer mehr Menschen, bepackt mit Picknickkörben, Decken, Stühlen und sogar Liegestühlen. Es war Sand aufgeschüttet, worauf man es sich auf Liegestühlen bequem machen konnte, allerdings recht weit weg von der großen Leinwand.

 

Es kamen immer mehr Leute, die Stuhlreihen füllten sich merklich, der bisher leere Platz zwischen den Biergartentischen und den Stuhlreihen war jetzt gefüllt mit Campingtischen und Klappstühlen Wer keinen Sonnenhut dabei hatte, bastelte sich einen Hut aus den Festspielmagazinen, die reichlich verteilt wurden. Die Musikwissenschaftlerin Katja Leber sprach über den „Ring des Nibelungen“, Katharina Wagner, Oberbürgermeister Dr. Hohl und Dr. Stephan Heimbach vom Sponsor Siemens begrüßte die Gäste. Moderator Axel Brüggemann wanderte mit einem Mikrophon über den Platz, führte Gespräche mit Zuschauern und gab eine Einführung in den ersten Akt.

 

Um 15. 45 h kamen dann 8 Bläser auf die Bühne, um ein Motiv aus dem 1. Aufzug Walküre zu blasen - Festspielhausatmosphäre. Bevor es los ging, fühlte man sich wie im Zuschauerraum des Festspielhauses, das auf der Leinwand erschien, man sah den großen herrlichen Vorhang. Man konnte auch dem lauten Gemurmel im Zuschauerraum lauschen, leider redeten die Leute um uns noch ein bisschen viel, aber als dann der erst Ton erklang, war Stille. Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute wirklich aufmerksam lauschen, nicht reden, kaum husten. Ab und an lief jemand vorbei und der Kies knirschte etwas, aber insgesamt war es sehr ruhig. Leider war die Qualität der Übertragung im 1. Aufzug schlecht, es gab immer wieder Aussetzer im Ton, sodass der Hörgenuss etwas gemindert war. Aber insgesamt eine super Übertragung, es machte uns viel Freude, den herrlichen Stimmen von Jochen Botha als Siegmund, Edith Haller als Sieglinde, Albert Dohmen als Wotan, und Kwangchul Youn als Hunding zuzuhören.

 

Als der Vorhang im Festspielhaus fiel, klatschten auch die Leute auf dem Festplatz. Wir erhielten dann die traurige Nachricht, dass Christoph Schlingensief am Morgen gestorben war, was uns sehr traurig machte. Er hatte noch so viele Pläne und wollte nicht in den Himmel. Sein Buch „So schön wie hier kann es im Himmel nicht sein“ über seine Erkrankung hat mich sehr berührt.

 

In der Pause waren einige Mannen von Hunding vom Festspielhaus heruntergekommen und wurden bestaunt. Tankred Dorst, Besucher in der VIP-Lounge, freute sich sehr. Er wusste auch nicht, dass „seine“ Mannen kommen.

 

Mittlerweile war es nicht mehr ganz so heiß, der 2. Aufzug begann, Brünnhilde (Linda Watson) hatte ihren Auftritt, ebenso Fricka (Mihoko Fujimura), die als Hüterin der Ehe Wotan davon überzeugte, dass Siegmund sterben muss.

 

Schnell war wieder Pause, es wurde langsam dunkel, es war aber noch angenehm warm. Es waren viele tausend Menschen auf dem Platz – die Presse sprach von 20.000 – die Stimmung ist sehr romantisch. Blauer, dunkler Himmel, riesige Lampions um den Platz, der Mond steigt auf. Das Bild auf der Leinwand ist jetzt gestochen scharf, man sieht die Mimik der Sänger sehr gut, der Walkürenritt zu Beginn des 3. Aufzugs ist hervorragend.

 

Als der Vorhang zum letzten Mal fällt, wird sowohl im Festspielhaus als auch auf dem Platz viel geklatscht, vor allem für Botha, Haller und Thielemann.

 

Axel Brüggemann bat die Zuschauer, doch noch zu bleiben, in ca. ½ Stunden würden die Sänger auf dem Festplatz erwartet. Zwischenzeitlich gab es eine Gesprächsrunde mit Dr. Hohl und seiner Frau, Dr. Heimbach (Sponsor Siemens) und Katja Leber. Daneben wurden die Gewinner des Rätsels gezogen mit teils wirklich ansehnlichen Preisen.

 

Die Solisten der Walküre kamen wenig später auf den Platz und ließen sich feiern. Damit ging ein wahrlich herrlicher Nachmittag und Abend zu Ende. Im nächsten Jahr wird am 14. August der Lohengrin auf dem Festplatz zu sehen sein – ich bin dabei, sehen wir uns?

 

Im kommenden Jahr wird es keinen „Ring“ geben, der „Thielemann-Ring“ ging zu Ende, erst 2013, dem Wagner-Jubiläumsjahr wird es einen neuen Ring geben – er wird live auf den Festspielplatz übertragen!

 

Wenn auch Sie die Faszination der Festspiele einmal erleben wollen, dann kommen Sie doch einfach mal nach Bayreuth – oder werden Sie Mitglied in unserem Verband – dann haben Sie die Chance, eine Karte zu gewinnen!

 

 


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