R.W. – Venezia

Ein »Traum der Ahnung«

Vortrag von Marc Konhäuser M.A. im Haus der Begegnung in Ulm

»Gehen Sie in Venedig bei Nacht spazieren! – Da schlafen die Tauben und da schlafen die Touristen, da ist absolute Stille, in keiner Stadt der Welt können Sie das erleben.« Nicht nur diesen Tipp für eine Reise nach Venedig erhielten die zahlreichen Zuhörer bei dem spannenden und gehaltvollen Vortrag von Marc Konhäuser M.A., der am 6. Juni 2009 im Haus der Begegnung in Ulm stattfand. Der Referent, Musikwissenschaftler, Komponist und Apotheker aus Augsburg kennt nicht nur Venedig wie seine Westentasche, er ist auch ein profunder Wagnerkenner. In seinem Vortrag vermittelte er den Zuhörern ein Phänomen, das seit seiner Entstehung viele Künstler, insbesondere auch Richard Wagner, geprägt hat. Der Reiz Venedigs erwachse aus der Spannung zwischen diesem wider die Natur gewollten, artifiziellen Menschenwerk und seiner intensiven Verschlingung in die natürlichen Elemente Wasser, Luft und Licht.

In einer Collage aus persönlichen Eindrücken, geschichtlichen und kulturellen Hintergründen sowie Zitaten aus den Tagebüchern Richards und Cosimas gelang es dem Referenten mühelos, die Zuhörer in das Venedig zur Zeit Richard Wagners zu entführen. Leinwandprojektionen historischer Bilder und Zeichnungen des von Venedig inspirierten Künstlers Paul Flora, musikalisch unterlegt von eigenen Kompositionen Marc Konhäusers, Liedern der Gondolieri und Wagner-Bearbeitungen schlugen assoziativ eine »venezianische Stimmung« an.

Zu Beginn des Vortrags gab Marc Konhäuser Einblicke in die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Lagunenstadt und leitete über zu seinen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen. Schon beim Verlassen des Bahnhofs spüre man die unverwechselbare feuchte, leichte Luft und sei fasziniert vom Blick auf Palmen und Wasser. Venedig als zutiefst menschliche Stadt nehme einen irrational gefangen. Auch Wagner sei es nicht anders ergangen. Für ihn war die Stadt ein »Raum der Entrückung«. Er zeigte sich begeistert von Venedigs Stimmungen, der Sonne, dem Licht, aber auch der Nacht. Die Gesänge der Gondoliere nachts auf den Kanälen erweckten in ihm den Eindruck dreidimensionaler »Hörräume«, die auch in seinen Werken zu entdecken sind.

Palazzo Vendramin-CalergiIm Laufe seines Lebens besuchte Wagner sechsmal Venedig, er komponierte dort u. a. den gesamten zweiten Aufzug der Oper »Tristan und Isolde«, dessen venezianische Einflüsse Marc Konhäuser herausarbeitete. So dürfte beispielsweise der Zusammenhang zwischen dem Vorspiel zum ersten Aufzug und einem typischen venezianischen Gondellied, beide stehen im »wiegenden« 6/8-Takt, kaum einem Zuhörer bekannt gewesen sein. Letztlich starb Richard Wagner in Venedig: am 13. Februar 1883 im Palazzo Vendramin-Calergi; sein Sterbezimmer ist heute an Samstagen zu besichtigen.

Nach Aussage des Referenten hat sich Wagner an der Stille Venedigs ergötzt. »Ich kann das Licht hören«, schrieb der Meister in seinem Tagebuch. Allerdings empfand er den Canale Grande als unheimlich und beklagte sich über die bittere Kälte, die in Venedig zuweilen herrsche und der man nicht entrinnen könne. Doch Venedig sei »eine Stadt für Auge und Ohr« und so war Wagner insbesondere von der Architektur begeistert. »Die Zierlichkeit der Architektur ersetzt die Blumen« sinniert er und bezeichnet die Markuskirche als »Zauberei«, die jederzeit über Nacht verschwinden könne«. Er zeigt sich in der Accademia stark beeindruckt und ergriffen von Tizians 1518 gemalter »Assunta« (heute wieder in der Frarikirche als Altarbild an ihrem ursprünglichen Ort zu besichtigen), auch wenn er Gottvater nonchalant als »Fledermaus« bezeichnet. Ebenso ist Wager angetan von einer Löwenstatue vor dem Arsenal, bei deren Anblick in ihm Assoziationen zu Wotan, Fafner und Fasolt entstehen. Er hält den Löwen für »das idealste Wesen, das ich je gesehen habe«. Außergewöhnlich für die damalige Zeit scheint die Mahnung Wagners, man solle »die Historie als große Lehrerin erkennen und nicht alles niederreißen.«

Aber auch Ratschläge und Tipps für einen Venedig-Aufenthalt gab Marc Konhäuser den Zuhörern. Ihnen wurde unter anderem ans Herz gelegt, im »Cafe Lavena« am Markusplatz einen Kaffee zu trinken, und unbedingt auch einen »Sprizz«, die lokale Spezialität, zu kosten. Nicht nur die Schönheiten Venedigs, wie Markuskirche, Rialtobrücke und die herrlichen Bauwerke von Andrea Palladio müsse man gesehen haben, sondern auch die »hässlichsten Kirchen Venedigs« San Moisè und San Pantalon. Nebenbei legte er den Gästen und Mitgliedern des Richard-Wagner-Verbandes nahe, die richtige Aussprache der Eigennamen in Wagners Werken zu verbreiten. So manchem Musikliebhaber sei die korrekte Betonung germanischer Namen auf der ersten Silbe (Walküre, Brünnhilde, Sieglinde) nicht geläufig.

Der Vortrag endete mit der Schilderung der letzten Tagen Richard Wagners und dem Schluss der Oper »Tristan und Isolde« (»Isoldes Verklärung«) in einer Bearbeitung für venezianisches Salonorchester. Marc Konhäuser, der Ehrenbotschafter Venedigs ist (und als einziger Nichtitaliener Mitglied der in der Öffentlichkeit Venedig repräsentierenden historisierenden Dogenregierung), zeigte sich seines Amtes in höchstem Maße würdig, hat doch sein Vortrag wahrlich Lust gemacht, Venedig selbst zu erleben und sich auf die Spuren Wagners zu begeben.

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