Parsifal – warum er nicht lieben darf

Vortrag von Roland Bauer im Haus der Begegnung in Ulm

Der Richard-Wagner-Verband Ulm/Neu-Ulm e.V. durfte zu seiner ersten Veranstaltung am 26. März 2009 den Stuttgarter Ministerialreferenten und Wagner-Experten Roland Bauer begrüßen, der in einem anspruchsvollen Vortrag Wagners letztes Musikdrama beleuchtete.

Gemeinhin gilt Parsifal als isoliertes, schwer verständliches Alterswerk, dessen scheinbare Sonderstellung im Oeuvre Richard Wagners bereits die Titulierung »Bühnenweihfestspiel« verdeutlicht. Doch Roland Bauer zeigte zu Beginn seines Vortrags auf, dass eine klare Entwicklungslinie Tristan–Meistersinger–Parsifal bestehe und der Parsifal die logische Weiterentwicklung des Wagnerschen Denkens über zentrale Fragen der Liebe und Erlösung beinhalte. Während Tristan noch von ekstatischer Leidenschaft und Nicht-Verzichten-Wollen geprägt sei, verliere dieses ichbezogene Wollen in den folgenden Werken immer mehr an Bedeutung und werde durch eine wachsende asketische Einstellung ersetzt. Beispielsweise verzichte Hans Sachs in den Meistersingern bereits auf König Markes (Liebes-)Glück. Auch die Götterdämmerung mit den Schlussworten Brünhildes und Ausarbeitungen zur konzipierten aber nie vertonten Oper »Die Sieger« folgen dieser Tendenz. Am Endpunkt dieser Entwicklung stehe der Parsifal mit seiner ausgeprägten altruistischen Mitleidsethik als Gegensatz zur Egozentrik der Sexualität.

Gehe man der Ursache für diese Entwicklung in Wagners Nachdenken auf den Grund, begegne man dem Begriff »Wahn«, der mit Schopenhauers Willensbegriff in unmittelbarem Zusammenhang stehe, wie Roland Bauer anhand der aufeinanderfolgenden Prosaentwürfe des Wahnmonologs in den Meistersingern verdeutlichte. Somit sei das in Wagners Werk vom Tristan bis zum Parsifal zu beobachtende Zurückweichen eines egoistischen, Leiden hervorrufenden Wollens zu Gunsten von asketischem Verzicht ein konsequent umgesetzter Gedanke Schopenhauers. Dabei sei die Sexualität als »Brennpunkt des Willens« zentraler Bestandteil dieser Askese. Während im Tristan noch der Widerspruch zwischen der Idee einer die Individualität überwindenden Liebe und des individuellen gegenseitigen Liebesbezugs von Tristan und Isolde bestehe, wobei gerade durch letzteren die Liebe Schmerzen und Leid verursache, stehe im Parsifal eine völlig vom Individuum losgelöste Liebe, nämlich Mitleid, im Mittelpunkt.

Der Zusammenhang von egoistischer Triebbefriedigung und dem Leiden der Welt offenbare sich Parsifal in der potentiellen Liebesvereinigung mit Kundry. Gerade weil er nicht liebe, weil er seine egozentrische Weltvorstellung überwinde, werde er wissend. Er erkenne nun sowohl das Leiden Amfortas, werde zum Mitleidenden, als auch das Leiden Christi, dessen Aufopferung am Kreuz von Amfortas verraten und somit wirkungslos geworden sei. Wagner schildere die Begegnung Kundrys mit dem gekreuzigten Christus als Konfrontation der personifizierten sexuellen Triebbefriedigung und absoluten Willensbejahung mit der personifizierten Willensverneinung, der totalen Aufopferung für den Mitmenschen, und somit als Aufeinandertreffen beider Pole menschlicher Liebesfähigkeit. Von Christus’ Liebesblick als Antwort auf Kundrys Hohn und Spott über dessen in ihren Augen völlig sinnlose Liebestat sei Kundry zutiefst betroffen, wie später auch Parsifal in der Schlüsselszene des zweiten Aufzugs.

Nur in der musikalischen Ausgestaltung werde die Bedeutung der Person Christus als Religionsstifter erkennbar, wie der Referent anhand von Partiturauszügen verdeutlichte. Die Exposition des Abendmahlsthemas im Vorspiel symbolisiere die Religionseinsetzung. In diesem Thema fänden sich Speer und Schale (Gral) auch visuell wieder. Interessant sei hierbei, dass im Gegensatz zu Wotans absteigendem Speermotiv im Ring des Nibelungen, das den zur Unterdrückung nach unten gerichteten Speer verbildliche, das Speermotiv im Parsifal aus einer aufsteigenden Tonfolge bestehe, die den Speer als sieg- und heilsbringend charakterisiere. In der Verarbeitung des Abendmahlthemas brächen die Motivteile auseinander, zeigten somit die Trennung von Speer und Gral auf, und mündeten in das Motiv der »Heilandsklage«, in der Christus als Religionsstifter das Versagen der potentiellen Nachfolger, insbesondere Amfortas, beklage. Die Komprimierung dieser musikalischen Elemente vermittle in der Begegnung Kundrys mit Jesus erst die Problematik und Emotionalität dieser Konfrontation.

Doch Parsifal dürfe nicht als christliches Drama gedeutet werden, Wagners starkes Interesse an der buddhistischen Philosophie fließe ebenso in das Werk ein. Roland Bauer verdeutlichte dies unter anderem anhand einer Gegenüberstellung der überlieferten Lebensgeschichte Siddhartha Gautamas und dem Werdegang Parsifals. Beide wären behütet und isoliert von der Welt aufgewachsen, dann in der Welt Krankheit, Leiden, Alter und Tod unwissend gegenüber gestanden und hätten später Erleuchtung durch Askese erlangt. Parsifals Erkenntnis durch das Mitleiden spiegele sich wider in der buddhistischen Erkenntnis, dass alles Leben leidvoll sei. Weitere Parallelen seien erkennbar bei der Versuchung durchs weibliche Geschlecht (Kundry – Maras Töchter) und beim Tötungsversuch (Klingsors Speer bleibt über Parsifal schweben – Maras Diskus sinkt zu Boden). In der Figur der Kundry greife Wagner unverkennbar den Reinkarnationgedanken auf, während Auferstehung im christlichen Sinne im Werk nicht angesprochen werde. Auch Wagners Ausspruch »An Gott glaube ich nicht, aber an das Göttliche, welches sich im sündenlosen Jesus offenbart«, stehe konträr zur Kirche. Somit entwickle Wagner in seinem Parsifal auf der Grundlage der Schopenhauerschen Philosophie durch Synthese zweier Mitleidsreligionen, der christlichen und der buddhistischen, sein persönliches religionsphilosophisches Konzept.

Durch das Handeln und die Mitleidsfähigkeit Parsifals werde nicht nur Amfortas, sondern auch Jesus als Religionsstifter erlöst, dessen Opfertat somit nicht vergebens gewesen sei. Zum Ende des Werkes gestalte Wagner daher einen von allen Dissonanzen befreiten sphärischen Klangraum. In fortlaufenden Modulationen werde dabei Quinte um Quinte aufsteigend und die universelle Erlösungsidee versinnbildlichend der gesamte Quintenzirkel durchlaufen.

Der Richard-Wagner-Verband Ulm/Neu-Ulm e.V. bedankt sich bei Roland Bauer für seinen aufschlussreichen Vortrag, der nicht wenigen der Zuhörer neue und spannende Erkenntnisse zum Werkverständnis brachte.

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