Faszination Bayreuth

Eine kleine persönliche Nachlese 2009 von Viola Lachenmann

Fährt man – nach endlosen elf Monaten Sehnsucht – zur Festspielzeit in Bayreuth ein, fragt man sich wie Friedrich Nietzsche, wie man es irgendwo anders aushalten konnte. Alles ist vertraut, scheinbar nichts hat sich verändert. Das Parkhaus steht noch, das Opercafé lädt ein zu Eierlikörtorte oder Pfifferlingen mit Weckkloß, im Schaufenster der Markgrafen-Buchhandlung ist die neueste Wagnerliteratur ausgestellt, interessiert schauen wir, wann Signierstunden angesetzt sind. Im Reformhaus am Eck bestellen wir Roggenvollkornbrot und streben dann weiter zum evangelischen Gemeindehaus, wir sind schon spät dran, gleich beginnt der Vortrag von Stefan Mickisch zur Vorbereitung auf »Tristan und Isolde« auf dem Hügel.

Wir sind da! Es fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Waren wir eigentlich weg? Zum ersten Mal sind wir gleich zur Premiere gekommen und verpassen prompt das »Grabsingen« um zehn Uhr, von dem wir erst danach erfahren. Zum Trost sagen wir uns, dass wir im nächsten Jahr wieder da sind – wie beruhigend.

Ich konnte eine Karte für die Premierenvorstellung ergattern! Mir bleibt keine Zeit, um erst zu unserer Wohnung in Altenplos zu fahren, in der Parkgarage (an anderen Tagen vor dem Bürgerreuth oder in der Walkürenstraße) ziehe ich mich um. Auch im fünften Jahr in Folge bin ich aufgeregt wie ein kleines Kind, das sich auf Weihnachten und Ostern zugleich freut. Das erste Mal in diesem Sommer fahre ich die berühmte Auffahrt zum Festspielhaus hinauf, von der Wagner selbst sagte: »Mit den Augen dem Haus zugewandt soll man zu meinem Heiligtum hinauffahren.« Ich bekommen glänzende Augen, Freude pur über die folgenden Tage auf und um den Grünen Hügel.

Die roten Teppiche sind bereits ausgelegt, unzählige Journalisten und Fotografen warten gespannt auf die Prominenz aus Wirtschaft und Politik. Obwohl es noch zwei Stunden bis zur Eröffnung sind, haben sich bereits sehr viele Gäste eingefunden, Premierenbesucher in Abendkleid und Smoking, Zaungäste in Alltagskleidung, um einen Blick auf die Prominenz zu erhaschen. Eva und Katharina, die neuen Festspielleiterinnen, zeigen sich nur kurz am Portal, auch »Angie« ist mit ihrem Mann schnell an der Menge vorbei, sie winkt dann vom Balkon aus den Menschen zu. Am stärksten werden Günther Beckstein und der neue Wirtschaftsminister zu Guttenberg begrüßt, beide genießen wie auch Horst Seehofer das Bad in der Menge und geben Autogramme. Ich muss gestehen, ich genieße den Rummel nicht wirklich, aber ich weiß, ab morgen wird es wieder sein wie immer: »keine Festspiele für Schicki und Micki, sondern für Kenner und Liebhaber«, (Kai Diekmann im Nordbayerischer Kurier v. 25./26. Juli 2009).

Zum ersten Mal bin ich nach der Premierenvorstellung – wie 1.500 andere Gäste auch – zum Staatsempfang im Neuen Schloss geladen. Es ist eine seltsam schöne Atmosphäre, die Nacht etwas zu kühl, dennoch genießen wir gutes Essen, Wein und Bier, das Licht der Fackeln, interessante Gespräche mit Freunden und Bekannten und Blicke auf Margot Werner, Brigitte Zypries und andere. Viel zu schnell ist es nach zwei Uhr, meine Füße in den schicken, aber unbequemen Schuhen schmerzen immer mehr, sodass ich mich allmählich dem Ausgang zuwende. Es war ein aufregender, herrlicher erster Tag in meinem persönlichen Paradies.

Auch die nächsten Tage verfliegen wie im Traum, wir sind rund um die Uhr beschäftigt: jeden Morgen Stefan Mickisch zuhören, der auch nach unzählig gehörten Vorträgen immer wieder fasziniert, kein Restaurant versäumen, in dem es uns gefällt und schmeckt, umziehen, zum Hügel fahren, schauen, genießen, um eine Karte anstehen und bangen, Luftsprünge machen, wenn es geklappt hat, Freunde wieder treffen, neue interessante Menschen kennen lernen, Bier trinken, »Werschd« essen, ausspannen in der Fränkischen Schweiz bei besonders gutem Essen und Bier, im Buchladen stöbern, Lesungen hören, zur Signierstunde gehen, Haus Wahnfried besuchen und am Grab eine Blume niederlegen, Abendkleid und Smokinghosen hochkrempeln und Wassertreten in der Kneippanlage in der 1. Pause, den Blick vor dem »Bürgerreuth« oberhalb des Grünen Hügels genießen, andere Menschen beobachten, wunderbare Abendkleider bestaunen, den Bläsern kurz vor Beginn der Vorstellung zuhören, »drin« sein, wenn die Türen schließen, Rückenschmerzen haben, nicht wissen, wohin mit den Beinen während der Vorstellung, dem lauten Stimmengemurmel der Gäste und dem langsamen Verstummen zuhören, wenn sich die Türen schließen, die Vorhänge zugezogen werden und die Lichter erlöschen, wundervollste Musik genießen, Bravo oder auch Buh schreien, trampeln auf den Holzboden, gar nicht das Festspielhaus verlassen wollen mit seiner einzigartigen Bauweise und Akustik, wissen, dass R. W. selbst hier saß und sich im und um das Haus bewegte, nach der Vorstellung mit anderen Gästen die Vorstellung besprechen und schwärmen (oder auch schimpfen), picknicken im Park, Champagner trinken, auf Empfänge gehen und Einladungen annehmen, und immer wieder diskutieren, diskutieren und Neues lernen. Wo anders können Sie eine Woche lang nur über Wagner reden, selbst mit »normalen« Menschen in einem Biergarten?

Ich frage mich immer wieder, worin die besondere Faszination dieser Festspiele liegt. Aber ich denke, ich habe diese Frage bereits beantwortet. Nach Bayreuth ist vor Bayreuth – wir werden diese elf Monate auch in diesem Jahr überleben – diesen Trost kann ich uns geben, die wir es nicht leicht haben, uns wieder im Alltag zurecht zu finden.

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